Sonntag, 6. Januar 2008

Noch ist alles unklar

Lange fand ich keine Kraft mehr, hier zu schreiben. Denn zuallererst braucht eine Scheidung mehr Kraft, als das neue Leben einem geben könnte. Eine ungeheuer anstrengende Metamorphosis. Und ich habe keinen blassen Schimmer, in welchem Stadium ich bin. Alle bestehenden Wert gehen flöte. Kein einziger Stein bleibt auf dem anderen. Fast jede Einstellung erweist sich als falsch. Die schlimmsten Erfahrungen werden plötzlich von fremden Personen bestätigt. Ich muss also damit rechnen, dass die Lösung aus dieser Ehe noch lange nicht vorbei ist, auch wenn inzwischen das Papier unterschrieben ist, indem ich meinen definitiven, freien Scheidungswillen nach zweimonatiger Bedenkzeit öffentlich und richterlich manifestierte.

Per dato streiten wir uns immer noch je um das alleinige Sorgerecht. Vor Gericht ist bis heute unerheblich, dass ich seit der Geburt von T praktisch die alleinige Betreuung übernahm – auch wenn ich teilzeit wenig arbeiten ging. Denn auch für die stellvertretende wenn auch innerfamiliäre Betreuung war ich gänzlich zuständig. In Organisation und Abgeltung. Das wurde mit dem zweiten Kind nicht anderst. Meine Stelle musste ich auf Druck meines Mannes aufgeben und tröstete mich mit fadenscheinigen Begründungen, in der Firma hätte sich die Situation zu meinen Ungunsten geändert. Von zu Hause aus arbeiten sei für die Kinder viel angenehmer – meinte mein Mann. Welchen organisatorischen und Kräfteaufwand das für mich bedeutete – wie immer ohne seine Unterstützung notabene – liess er grosszügig ausser Acht. Aber ich schaffte auch dies. Während er mit meiner Unterstützung als persönlicher Coach an seiner Karriere weiter bastelte. Ich staunte, wie er Stabstellenleiter werden konnte, ohne Überstunden zu schieben. Dass dies in einer so grossen Firma überhaupt möglich war, wo es doch zum Machtspiel gehört, Präsenz als Leistungsausweis zu zeigen. Klar gönnte ich ihm die abendlichen Sportstunden, den gedeckten Tisch bei der Heimkehr, die bereits fürs Bett vorbereiteten Kinder – wie gern hätte ich diese Privilegien auch genossen.

An dieser Alltagssituation hat sich bis heute nichts geändert. Auch wenn der Kindsvater weiterhin voll beschäftigt ist und ein erweitertes Besuchsrecht geniesst – mehr als anno dazu mal kümmert er sich nicht um die Kinder. Bringt sie zu seinem Vater über Nacht damit er seine neue Liebschaft geniessen kann. Oder bringt sie zur Patin um Besorgungen zu machen. Oder holt die Mutter um mit der Nachbarin in aller Ruhe einen nächtlichen Schwatz zu halten. Es genügt also vor unserer Judikativen (oder sollte es nicht die Exekutive sein?) zu behaupten, er kümmere sich vermehrt um seinen Nachwuchs, wolle sein offizielles Arbeitspensum reduzieren, von seiner Wohnung aus arbeiten und während seiner grösstenteils ausserhäuslichen Arbeit kümmere sich seine betagte Mutter. Augenwischerei, das weiss ich, doch vor Dritten wird die Lüge der Wahrheit gleichgestellt. Wie sonst solle ein Gericht die Aussagen behandeln wenn nicht so, meint der Anwalt. Und geschiedene Mütter bestätigen, dass gewinnt, wer besser lüge. Ist dies eine Anleitung?

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